In letzter Zeit ist viel darüber geredet und geschrieben worden, welche Funktionen aktuelle OpenSource-Shopsysteme beinhalten und wie diese programmiertechnisch aufgebaut sind. Ein Umstand scheint dabei jedoch etwas ins Hintertreffen geraten zu sein, nämlich die eigentliche Implementierung des jeweiligen Systems sowie die Erstellung von Themes und individuellen Erweiterungen. Denn eine wichtige Frage, die sich aktive oder angehende Shopbetreiber stellen, ist in vielen Fällen: “Wer baut meinen Shop?”
Do-it-yourself
Erfahrungsgemäß beantworten viele diese Frage oft mit “das mache ich selbst.” In diesen Fällen sind die ersten Schritte schnell getan. Mit ein wenig technischem Sachverstand lassen sich Systeme wie osCommerce, xt:Commerce oder Oxid eSales CE relativ problemlos auf einem preiswerten Webhostingpaket installieren; Grund dafür sind unter anderem einfache Installationsroutinen sowie verschiedene Dokumentationen im Internet und in Printform. Selbst ein relativ junges System wie Magento stellt in dieser Hinsicht immer weniger ein Problem dar, weil es auch hier mittlerweile gute Anleitungen und spezialisierte Hosting-Unternehmen gibt.
Der nächste Schritt besteht in der Installation bzw. Anpassung eines Templates/Themes. Getreu dem Prinzip, die Kosten für die Implementierung des neuen Shops so gering wie möglich zu halten, greift man oft auf das mitgelieferte Standard-Template zurück, das geringfügig angepasst wird. Eine andere Variante besteht darin, ein Kauf-Template zu erwerben und dort beispielsweise das eigene Logo einzufügen bzw. die Hintergrundfarbe zu ändern. Und weil nur in den wenigsten Fällen die Funktionalität der Grundinstallation eines OS-Shopsystems zu reichen scheint – ein wenig “getuned” wird ein Shop erfahrungsgemäß immer – werden nun Erweiterungen installiert. Bei älteren Systemen bedeutet dies: einzelne Quelldateien austauschen bzw. in diesen einzelne Zeilen durch andere ersetzen.
Früher oder später kommt jedoch oft der Punkt, an dem die eigenen Kenntnisse nicht mehr ausreichen und auch die aktivsten oder wohlwollensten Forumsteilnehmer nicht mehr weiterhelfen können oder wollen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn das zu modifizierende Template partout nicht so aussehen möchte, wie man sich das vorstellt, oder man nach einer Funktion sucht, für die es kein fertiges Modul gibt. Der nächste logische Schritt ist in diesem Fall die (mitunter zähneknirschende) Suche nach einem geeigneten Dienstleister.
osCommerce und xt:Commerce
Hat man sich für osCommerce entschieden, ist dies recht einfach, handelt es sich doch um um eine Software, die seit fast einem Jahrzehnt auf dem Markt ist. In dieser Zeit hat sich weltweit eine große Community und damit auch ein großer Pool an nationalen und internationalen Dienstleistern herausgebildet. Außerdem ist der Programmcode auch weniger versierten PHP-Entwicklern zugänglich, sodass es auch aus diesem Grund eine große Anzahl an kompetenten Ansprechpartnern gibt. In ähnlicher Weise hat sich die Weiterentwicklung xt:Commerce besonders im deutschsprachigen Raum zu einem Quasi-Standard entwickelt (hier beziehe ich mich bewusst auf die 3er-Version dieser Software, für das neue Veyton liegen bislang nicht viele Erfahrungen und Anwendungsbeispiele vor).
Über eines sollte man sich jedoch im Zusammenhang mit diesen beiden Systemen im Klaren sein: je nachdem, in welchem Maße Eingriffe am Quellcode für die Implementierung der gewünschten Funktionen vorgenommen werden, “verheiratet” man sich de facto mit seinem Dienstleister. Da leider ausführliche Dokumentationen in diesem Bereich Mangelware sind, birgt ein Dienstleisterwechsel ein erhebliches Kostenrisiko, da das neue Unternehmen sich zunächst einmal in die Änderungen des alten einarbeiten muss.
Magento
Ganz anders verhält es sich mit Magento, das erst seit gut einem Jahr auf dem Markt ist. Hier sind gute Dienstleister aus mehreren Gründen Mangelware: zum einen ist die Software wesentlich abstrakter programmiert, sodass ein tieferes Verständnis objektorientierter PHP-Programmierung für die Entwicklung neuer Module/Erweiterungen unabdingbar ist. Der Quellcode ist von der Herstellerfirma Varien nicht vollständig dokumentiert, was das Einarbeiten in die Software zusätzlich erschwert. Auch tiefergehende Literatur zu diesem speziellen Thema ist noch Mangelware. Die Folge ist, dass die Dienstleister/Entwickler, die das System beherrschen, hoffnungslos ausgebucht und in größere Projekte eingebunden sind. Daraus resultiert wiederum, dass diese qualifizierten Kräfte nicht mehr in dem Maße für kostenlosen Forums-Support oder “low-budget”-Modulentwicklung zur Verfügung steht, wie der eine oder andere Do-it-yourself-Shopbetreiber dies gerne sähe.
Der Aufbau von Magento hat den Vorteil, dass neue Erweiterungen installiert werden können, ohne die Dateien des Grundsystems zu überschreiben. Dies ist für den Shopbetreiber zunächst vorteilhaft, weil er sich im Gegensatz zu osCommerce oder xt:Commerce unabhängiger von einem Dienstleister macht. Aus den oben genannten Gründen ist es jedoch nicht leicht, einen solchen zu finden. Magento-Erweiterungen, die über Magento-Connect entweder frei oder kommerziell verfügbar zum Download bereitstehen, sind in den meisten Fällen “Nebenprodukte” aus Kundenaufträgen; Auftragsarbeiten sind hier eher die Ausnahme.
Oxid eSales
Noch anders verhält es sich mit der frei verfügbaren Community Edition (CE) der Firma Oxid eSales, die erst im Herbst letzten Jahres aus der kostenpflichtigen Professional Edition (PE) hervorgegangen ist und seitdem parallel zu dieser weiterentwickelt wird. Da Oxid seit mehreren Jahren auf dem kommerziellen Softwaremarkt präsent ist, gibt es auch eine Reihe von Dienstleistern und offiziellen Partnern, die Oxid-Shop implementieren und individuelle Erweiterungen programmieren. Viele dieser Dienstleister bieten bereits fertige Zusatzmodule für Oxid an, allerdings muss man dabei im Detail klären, ob diese nur für kommerzielle Versionen von Oxid oder auch für die CE-Variante dieser Software lizensiert sind.
Fazit
Wenn ein Shopbetreiber plant, seine neue Verkaufsplattform quasi im Alleingang auf die Beine zu stellen oder auf eine neue Software zu migrieren, ist dies per se nicht unbedingt eine schlechte Idee. Mit einem gepflegten Trial-and-Error-Ansatz (und – je nachdem – einer hohen Frustrationstoleranz) lernt man schließlich seinen Shop am gründlichsten kennen. Als Kriterium für die Auswahl der neuen Shopsoftware sollte man neben dem Funktionsumfang der neuen Software trotzdem auch immer ein Auge darauf haben, welche Dienstleister im Fall der Fälle weiterhelfen könnten. Wenn jeder Kochshop-Besitzer ein Shop-Programmierer wäre – wer würde dann noch Schneebesen verkaufen?
