Jeder, der sich mit dem Gedanken trägt, einen Onlineshop zu betreiben oder so etwas (ähnliches) schon macht oder gemacht hat, hat einen anderen Hintergrund und andere Beweggründe. Im Folgenden möchte ich versuchen, die einzelnen Fälle, die mir in der Vergangenheit begegnet sind, zu Typen zusammenzufassen und diese grob zu charakterisieren. Mir ist natürlich bewusst, dass dies eine starke Vereinfachung der Wirklichkeit ist und es Überlappungen und Mischformen gibt. Für ein gewisses Maß an (augenzwinkernder) Polemik entschuldige ich mich schon vorher – ich bin ja auch nur ein Mensch ;-)
Der Einsteiger
Ein Einsteiger weiß, wie man einen Computer anschaltet, einen Wochenplan mit Excel erstellt und Einkaufszettel in Word schreibt. Das Internet nutzt er zaghaft und sucht dabei hauptsächlich nach Bahnverbindungen und dem Wetter. (Der Musikalienhändler Beißel aus meiner kleinen Fortsetzungsgeschichte ist ein gutes Beispiel für solch einen Einsteiger.) Trotzdem möchte er gerne das Internet und die Möglichkeiten, die es mit sich bringt, nutzen und seine Kunden mit einem Onlineshop ansprechen.
Ein Einsteiger benötigt daher vor allem eins: Beratung. Diese umfasst nicht nur die Shoperstellung an sich, sondern schließt nicht selten einen umfangreichen Exkurs in die Verflechtungen und Geheimnisse moderner Informationstechnologie ein. In diesem Zusammenhang geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern Halbwissen und Vorurteilen entgegenzutreten (“Nein, es gibt keine Software, mit deren Hilfe man auf Knopfdruck auf Platz 1 in Google kommt.” – “Ja, es gibt lizenzkostenfreie Software, einen Shop gibt es dabei aber trotzdem nicht zum Nulltarif.”) Ein Einsteiger betrachtet einen Dienstleister für den Web-Bereich nicht selten als Universalgenie für alle technischen Fragen und kontaktiert diesen auch bei Druckerproblemen oder bei versehentlich vom Desktop gelöschten Programmsymbolen. A propos Kontakt: Dieser vollzieht sich in den meisten Fällen über das Telefon, das Hin- und Herschreiben von E-Mails ist Einsteigern oft ein Gräuel.
Der Bastler
Der Bastler ist von dem Wunsch angetrieben, alles das, was zur Erstellung eines Onlineshops nötig ist, selbst zu leisten. Es werden Foren durchstöbert, Bücher angeschafft und Software ausprobiert. Ein Bastler hat in der Regel ein Grundverständnis von HTML und weiß auch ein FTP-Programm zu nutzen. In Frage kommt für ihn normalerweise nur kostenlose OpenSource-Software, die mit ebenfalls kostenlosen Zusatzmodulen und Templates aufgewertet wird. Trifft man im Internet auf einen xt:Commerce-Shop, der durch ein leicht modifiziertes xtc4-Template geschmückt ist, hat man es hier höchstwahrscheinlich mit dem Werk eines Bastlers zu tun. (Ein gutes Beispiel für einen Bastler – Sie haben es vielleicht schon erraten – ist Achim aus der Fortsetzungsgeschichte.)
Ebenfalls typisch für den Bastler ist, dass er den neuen Shop entweder für sich selbst – oft nach Feierabend, denn ein Bastler hat üblicherweise einen regulären Beruf – oder für einen guten Bekannten erstellt. Das Thema Kostenersparnis spielt hier eine entscheidende Rolle, stark ausgeprägt ist aber auch das Bedürfnis, auszuprobieren und es einfach selbst zu machen. In dieser Hinsicht lassen sich E-Commerce-Bastler auch ohne weiteres mit über alle Maßen motivierten Heimwerkern vergleichen, die samstags die Baumärkte stürmen, um mit ihrer Beute vor der Sportschau das Eigenheim zu verschönern.
Problematisch wird es für den Bastler, wenn trotz wochenlangem Probierens das Projekt doch nicht so läuft wie vorgestellt. Dann kommt es zähneknirschend zur Kontaktierung eines Dienstleisters zu dem Zweck, Feuerwehr für die schlimmsten Programmier- und Gestaltungsbrände zu spielen.
Der Umsteiger
Ein Umsteiger hat schon – meist negative – Erfahrungen mit dem Internet und als Shopbetreiber gemacht. Von seinem alten Dienstleister hat er sich getrennt und sucht nun nach einem neuen Partner, der einen Shop nach seinen Maßgaben kompetent umsetzen kann. Der Umsteiger ist neuen Dienstleistern gegenüber zunächst misstrauisch und führt bei Angebotsverhandlungen oft das Argument ins Feld, dass man ja bereits eine Menge Geld an den alten Dienstleister gezahlt habe und deshalb nicht bereit sei, wesentlich in ein neues Projekt zu investieren. In vielen Fällen wird aus einem Einsteiger ein Umsteiger, wenn er als erstes an einen Bastler geraten ist.
Der Visionär
Wie es der Name schon vermuten lässt, hat der Visionär große Pläne. Mit einer digitalen eierlegenden Wollmilchsau möchte er das Internet beglücken und seinen Mitwerbern binnen kürzester Zeit um Meilen voraus sein. Der einzige Haken: Für die Erstellung dieses Auftritts fehlt leider das nötige Budget. Davon lässt sich der Visionär aber nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Sein Trick: Mit Formulierungen wie “gemeinsam wachsen”, “längerfristig zusammenarbeiten” und “Gewinnbeteiligung” mehr oder minder ahnungslose IT-Dienstleister dazu zu bringen, zum sehr günstigen Tarif an seiner Vision zu arbeiten. Das geschäftliche Risiko ist für ihn dabei minimal, für den IT-Dienstleister ungleich höher, da er den Löwenanteil der Arbeit leisten muss.
Der Realist
Der Realist weiß, dass ein Onlineshop kein Selbstzweck ist, sondern schätzt ihn als das ein, was er ist bzw. sein sollte: als technische Plattform, die Kern einer längerfristigen und nachhaltig geplanten Onlinemarketing-Kampagne ist. Er betrachtet Ausgaben für Dienstleister nicht als Kosten, sondern sieht sie als nötige Investitionen, die für seinen Erfolg entscheidend sind. Er ist sich im Klaren darüber, dass mögliche (faule) Kompromisse bei der Shop-Konzipierung, die durch Budgetbegrenzungen eingegangen werden müssen, sich später als doppelt und dreifach teuer herausstellen können. Für ihn sind nicht die technischen Details der eingesetzten Shoplösung relevant, sondern eine möglichst reibungsloser Ablauf und ein zuverlässiger Support. Bei etwaigen Problemen möchte er auch an einem Feiertag einen Ansprechpartner erreichen können, da er sich bewusst ist, dass jedes technische Problem Umsatzeinbußen mit sich bringt, die seinen geschäftlichen Erfolg minimieren. Ist auch der kompetenteste Support nicht in der Lage, die Probleme innerhalb eines vertretbaren Zeitraums in den Griff zu bekommen, so möchte er einen Verantwortlichen belangen und notfalls Schadensersatz einklagen können.
