Unsere Beziehung hatte wahrlich Höhen und Tiefen: Anfangs war ich begeistert davon, dass du völlig kostenlos Einzug auf meiner Festplatte gehalten hast. Als die moderne Suse begegnetest du mir am Zeitungskiosk. Eine ganze Welt voller Software mitsamt informativer Computerzeitschrift für den Preis einer gut belegten Pizza – lange überzeugen musstest du mich wahrlich nicht. So gingen viele friedliche Monate ins Land, leider kamst du langsam in die Jahre und ich konnte dich nicht einfach erneuern.
Ich entschied mich dann für deinen robusten, weniger schicken Bruder Debian, der sich per einfachem Befehl so simpel aktualisierte. Auch so lebten wir einige gemeinsame friedliche und auch produktive Monate zusammen. Doch leider wurde unsere Beziehung zusehends kälter und liebloser. Ich hatte nie das Gefühl, dich ganz zu verstehen. Wenn es dir mal schlecht ging, wusste ich nie, wie ich zu deiner Genesung hätte beitragen können. Das war auch deshalb so schlimm, weil sich in letzter Zeit deine Wehwehchen bei so simplen Dingen häuften: Erst wolltest du keine CDs mehr brennen, dann drucktest du nur noch im Querformat. Auch mein Windows-Laptop hast du nie gemocht – verzeih mir, dass ich anstelle eines dicken Samba-User-Handbuchs doch lieber das neue Buch von Bill Bryson las. Um unsere Beziehung nicht noch weiter auf die Probe zu stellen, vollzog sich der Datenaustausch dann via USB-Stick. Du musst zugeben, dass das im im Jahr 2007 völlig antiquiert war. Aber was tut man nicht aus Liebe sagte ich mir immer wieder. Und dafür, dass ich keine Angst vor Computerviren haben musste. Und dafür, dass ich bei jedem Einschalten ein paar Punkte auf dem User-Gewissenskonto verbuchen konnte: Wieder einmal der kommerziellen Software-Mafia ein Schnippchen geschlagen!
Sicher, ich hatte mich so an deine Denkweise gewöhnt: Für das Problem „Gedöns“ gab es ja immer „kgedoens“, wozu man aber dann „gedoens-gtk“ benötigte und noch eine Reihe weiterer Pakete. Mal abgesehen davon, dass alles vorher im Kernel gedoens-mäßig kompiliert sein musste. Ich hatte leider zunehmend das Gefühl, dass du mehr Aufmerksamkeit von mir beanspruchtest als mir lieb sein konnte. So kam es, wie es letztlich kommen musste: Ich habe mich von dir getrennt. Bitte nimm’ es nicht persönlich, aber wir passen einfach nicht zusammen. Verstehe mich bitte, ein Betriebssystem sollte für mein Verständnis ein Arbeitsgerät und kein Selbstzweck sein. Meine Kaffeemilch soll ja auch schmecken ohne dass ich mir über „OpenEuter“ Gedanken machen muss.
