Das erste Magento-Treffen in Deutschland nähert sich (am 5. Februar in Leipzig geht’s los, alle Karten sind leider schon ausverkauft – es gibt aber noch Freikarten zu gewinnen), und ich höre in letzter Zeit die Frage, wie sich denn Magento auf dem deutschen Markt entwickeln wird. (Einen interessanten Beitrag zu diesem Thema wurde vor einiger Zeit auch auf dem bekannten E-Commerce-Blog Exciting Commerce veröffentlicht: Magento und die Open Source Zukunft 2009-2010). Ist die Software aus dem Hause Varien nur etwas für xt:c-geplagte eCommerce-Geeks und Open-Source-Jünger oder kann auch Otto-Normal-Verkäufer längerfristig davon profitieren? Nun, für eine Glaskugel hat’s hier im neuen Büro leider noch nicht gereicht, ich versuche trotzdem einmal, mich dem Problem zu nähern und zunächst generell das Phänomen Open-Source-Software (OSS) zu beleuchten.
Welchen Anklang das Thema OSS bisher in der Wirtschaft gefunden? Was sagen die nackten Zahlen zu ihrer Wirtschaftlichkeit? Auf heise.de wurde dazu vor einigen Tagen eine interessante Studie der EU in Zusammenarbeit mit der Universität Maastricht veröffentlicht (Open Source ist gut für die Wirtschaft), die genau dieser Frage nachging. Die Studie kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass bereits existierende OSS einen Gesamtwert von fast 12 Milliarden Euro hat und mit einem Arbeitsaufwand von 131.000 Mannjahren (sic) erstellt wurde. Die Forscher gehen davon aus, dass im nächsten Jahr bereits 32% aller IT-Dienstleistungen in Europa mit OSS in Verbindung stehen werden. Als Gründe für die Nutzung dieser Art von Software gaben die Befragten zum einen die nicht vorhandenen Lizenzkosten und die Unabhängigkeit von einem bestimmten Dienstleister an.
Das Argument der Kostenersparnis im Zusammenhang mit OSS bekommt gerade in Zeiten der aktuellen Wirtschaftskrise ein immer stärkeres Gewicht. Unternehmen bemühen sich, Investitionen für ihre IT-Infrastruktur gering zu halten und sind empfänglicher für offene Softwarelösungen.
Die Entwicklung hin zu OSS spiegelt sich auch im Bereich E-Commerce-Software wieder. Im Herbst letzten Jahres hat beispielsweise die OXID eSales AG ihre Professional Edition (PE) als Open-Source veröffentlicht. Diese neue Community Edition (CE) steht unter der GPL-Lizenz und tritt damit in die Fußstapfen so erfolgreicher Open-Source-Projekte wie OSCommerce, Typo3 oder WordPress. OXID-CEO Roland Fesenmayr dazu: „Wir sind überzeugt davon, daß das Open Source Modell mittlerweile der bessere Weg Software zu entwickeln und zu vertrieben ist und alle davon profitieren werden.“ (Mission Statement).
Besonderheiten von Onlineshops
Erfolgreiche Onlineshops sind vor allem eins: individuell. Wer möchte, dass Kunden gerne einkaufen, wiederkommen und den Shop auch weiterempfehlen, tut gut daran, seiner Verkaufs-Website einzigartige Merkmale zu spendieren: eine gut gemachte Benutzerführung, spannende Produktpräsentationen oder eine erstklassige Suchfunktion sind nur einige Beispiele. Die eingesetzte Software muss dies natürlich unterstützen und sollte die Kreativität des Shop-Betreibers nicht unnötig einschränken. Hier können Open-Source-Lösungen Ihre Stärken ausspielen, denn jedes noch so kleine Detail dessen, was Kunden im Browser sehen können, kann an einer Stelle im Code angepasst werden. Erfolgreiche Onlineshops müssen jedoch auch Standards entsprechen, also beispielsweise Schnittstellen zu gängigen Fulfillment- und Payment-Providern sowie zu ERP-Software von Drittanbietern bereitstellen. Dieser Bereich ist das klassische Spielfeld der kommerziellen, Closed-Source-Software, die diese Standards erfüllen, wenn sie sie nicht gar selbst entwickelt haben.
Shopbetreiber planen langfristig und rüsten sich für alle Eventualitäten. Nicht auszudenken, wenn jahrelang Produkt-, Kunden- und Bestelldaten in eine geschlossene Software geschrieben wurden, deren Hersteller sein System nicht mehr pflegt oder schlimmstenfalls ganz vom Markt verschwindet. Ist dort nicht eine Exportmöglichkeit für sämtliche Daten vorhanden, sodass diese in ein anderes System migriert werden können, ist guter Rat (sehr) teuer. Auch hier kann Open-Source trumpfen, da sie unabhängig von festen Softwareherstellern ist und damit letztlich unabhängig macht. Natürlich werden auch viele Open-Source-Projekte nicht mehr weiterentwickelt, die Konsequenzen für den Shopbetreiber sind dann jedoch wesentlich weniger dramatisch, da er in diesem Fall sein System weiterentwickeln (lassen) oder seine Daten anderweitig weiterverwenden kann.
Die Rolle von Magento
Kommen wir zurück zu der Frage, wie die Zukunft von Magento angesichts dieser Entwicklungen zu bewerten ist. Wie die vielen Projekte, die bereits mit dieser Software umgesetzt worden sind, zeigen, schafft Magento wie keine zweite Software im Open-Source-E-Commerce-Bereich den Spagat zwischen einem hochflexiblen und Block-basierten Template-System auf der einen und standardisiertem Datenmodell sowie einer leistungsfähigen API auf der anderen Seite. Es basiert auf dem Zend-Framework, das per se schon ein Standard in moderner, objektorientierter PHP-Programmierung ist. Magento ist modular aufgebaut und garantiert so, dass auch bei selbstprogrammierten Funktionserweiterungen stets die Update-Fähigkeit erhalten bleibt, weil die Dateien des Kernsystems von Änderungen unberührt bleiben. Schnittstellen zu wichtigen Payment-Anbietern wie WorldPay, PayPal, iPayment, sofortüberweisung.de, ClickandBuy und UOS sind bereits vorhanden.
In der Vergangenheit hat die Firma Varien jede Ankündigung zu Veröffentlichung neuer Versionen eingehalten und zeigt auch knapp ein Jahr nach dem Erscheinen der ersten produktiv einsetzbaren Version weiterhin eine beeindruckende Entwicklungsgeschwindigkeit. Die stetig wachsende Community auf der einen und immer mehr professionelle Dienstleister auf der anderen Seite komplettieren das Bild einer Open-Source-Lösung für den E-Commerce-Bereich, die sehr wohl das Potential hat, den Markt nachhaltig zu verändern und neue, interessante Impulse zu geben.
